Sonntag, 11.10.2026, 16 bis 17 Uhr, Internationales Haus Schwerin (Lagekarte), Ziegenmarkt 4, 19055 Schwerin, Teilnahme anmelde- und kostenfrei
Bei Kaffee und Tee über den Tellerrand blicken: Sechste „Teestunde“ mit Gabriel Celino Ferrer
Nach dem Sonntagsspaziergang eine Stunde bei Kaffee oder Tee einem Menschen zu lauschen, dessen Wurzeln außerhalb Europas liegen – und dabei vielleicht auch eigene Fragen stellen: Das ist die Idee der „Teestunde“. Am Sonntag, dem 11. Oktober 2026, luden wir zur mittlerweile sechsten Auflage ein – kostenfrei und ohne Anmeldung. Auch in diesem Jahr fand das Gespräch im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe „weltwechsel“ statt.

Zu Gast war Gabriel Celino Ferrer (33) von den Philippinen. Er wuchs im Norden der philippinischen Hauptinsel Luzon auf und arbeitete nach seinem Abschluss als „Bachelor of Science in Nursing“ viele Jahre in verschiedenen Bereichen der Medizin. Vor vier Jahren kam er mit seiner Frau nach Schwerin und ist heute hier als Altenpfleger tätig.
Ferrer stellte sich zunächst in seiner Muttersprache Tagalog vor – doch das war nicht die einzige Sprache, mit der er aufwuchs: Auch Englisch als zweite Amtssprache der Philippinen und Ilocano als Regionalsprache beherrscht er fließend. Seit vier Jahren spricht er nun auch Deutsch.
Die mehr als 170 regionalen Sprachen seines Heimatlandes sind ein deutlicher Hinweis auf dessen Charakter: Rund 110 Millionen Einwohner*innen leben auf 7.641 Inseln in einem Vielvölkerstaat. „Reine“ Filipinos gebe es gar nicht, erzählte Ferrer. Er selbst habe unter anderem spanische Vorfahren sowie einen Anteil an Aetas – den Ureinwohnern des Inselarchipels.
Nach den ersten Eingangsfragen unseres Bildungsreferenten Ralf Göttlicher – „Wie war dein Schulweg?“, „Mit wem bist du aufgewachsen?“, „Was vermisst du hier in Deutschland von den Philippinen?“ – übernahmen die 20 Zuhörenden die Rolle der Fragenden. Es ging um Lieblingsessen und Wetter, um das Sicherheitsgefühl hier und dort, um Vertrauen in die Politik, um Korruption und um eigene Rassismuserfahrungen in Deutschland.

Unter den Zuhörenden waren neben Ferrers Frau Kristle fünf weitere Filipinos, die seine Aussagen ergänzten – der Austausch wurde dadurch sehr lebendig. Schätzungsweise 100 Menschen von den Philippinen leben und arbeiten in Schwerin. Damit gehören sie zu den bis zu zehn Prozent der Filipinos, die als „Overseas Filipino Workers“ (OFW) außerhalb ihres Heimatlandes tätig sind – viele in der Schifffahrt, der Pflege oder im Dienstleistungssektor. Seit 1970 vermittelt der philippinische Staat über Programme, Behörden und Vermittlungsagenturen aktiv Arbeitskräfte ins Ausland. Auswanderung gilt dort als „soziales Sicherheitsnetz“ und als Devisenquelle: Die Überweisungen der OFWs an ihre Familien erreichen eine Höhe von acht bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch Ferrer unterstützt seine Eltern, die inzwischen im Ruhestand sind, finanziell.
Ferrer, der selbst 13 Jahre im Gesundheitssektor seines Landes gearbeitet hat, war voll des Lobes für das deutsche Gesundheitssystem. In seiner Heimat ist medizinische Versorgung für viele kaum bezahlbar: Ein MRT koste z.B. umgerechnet rund 200 Euro – fast ein Monatsgehalt, was aus eigener Tasche bezahlt werden müsse.
Eine Zuhörerin wollte wissen, ob es denn auch Altenheime auf den Philippinen gebe. Früher nicht, antwortete Ferrer, da in Großfamilien zusammengelebt werde. Inzwischen gebe es sie vereinzelt. Für alle anwesenden Filipinos war anfangs unverständlich, warum in Deutschland alte Menschen in separaten Einrichtungen untergebracht sind – manche davon ohne nennenswerten Besuch. Auf den Philippinen undenkbar. Inzwischen, so eine Freundin Ferrers, verstünden sie es besser – traurig fänden sie es dennoch.
Zum Abschluss erzählte Ferrer, dass seine Heimatregion jährlich von mindestens 26 Taifunen heimgesucht werde. Das lasse sich daran festmachen, dass die Taifune alphabetisch aufsteigend Namen erhielten – und diese Liste praktisch immer von A bis Z und darüber hinaus reiche. Das Haus seiner Eltern sei über die Jahre immer wieder stabilisiert worden, seine Mutter treffe alle Vorkehrungen, um die Stürme zu überstehen. Hilfe von der Regierung erwarteten die Filipinos kaum.
Nach der einen Stunde war der Austausch noch lange nicht vorbei: In drei gemischten Gruppen aus Deutschen und Filipinos wurde sich bei Tee, Kaffee und Gebäck noch mindestens eine weitere Stunde unterhalten. Telefonnummern wurden getauscht, sogar ein gemeinsames Kochen verabredet.

Das Konzept der „Teestunde“ – Begegnungen zu ermöglichen, die sonst nicht stattfänden – ging voll auf. Der halböffentliche Charakter der Veranstaltung machte es vielen Menschen leicht, sich wohlzufühlen und eigene Fragen zu stellen. Menschen wie Gabriel Celino Ferrer gehören zur Stadtgesellschaft, die wir gemeinsam bilden. Voneinander zu wissen, im Gespräch zu sein, ist so wichtig, um Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu erfahren.
Damit traf die Veranstaltung auch genau das Motto der diesjährigen weltwechsel-Tage: „Zusammen bleiben! Für eine solidarische Nachbarschaft – global und lokal.“
Menschen mit internationaler Geschichte erzählen bei der „Teestunde“ von sich und ihrem Herkunftsland: Worin unterscheidet es sich von Deutschland? Was eint, was verbindet die Länder? Wie wird die Lebenswirklichkeit in der alten Heimat eingeschätzt? Es sind bewusst subjektiv gehaltene Ansichten eines Menschen – die uns genau dadurch einen Blick über den eigenen Tellerrand ermöglichen
Bei den bisherigen „Teestunden“ waren Hamoud Aldghim (2021), Ourobou Tchakpedeou (2022), Védaste Kabalira (2023), Valérie Kengne Mboubou (2024) und Rajepsut Gisler (2025) zu Gast.
Text: Ralf Göttlicher, Fotos: Michael Schönmehl
Förderer
Eine Veranstaltung im Rahmen des Bildungsprojektes der Aktionsgruppe Eine Welt e.V. Schwerin | Weltladen Schwerin gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aus Mitteln von „Bingo – Die Umweltlotterie“ über die Norddeutsche Stiftung für Umwelt und Entwicklung und durch Brot für die Welt (BfdW) mit Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes.

„weltwechsel“ ist die jährliche Veranstaltungsreihe zu Themen globaler Gerechtigkeit. Vom 5. – 24. Oktober 2026 organisieren viele verschiedene zivilgesellschaftliche Akteur*innen mehr als 76 Veranstaltungen zum Jahresthema „Zusammen Bleiben“ in vielen Orten in MV.
Das Eine-Welt-Landesnetzwerk MV koordiniert diese jährliche Veranstaltungsreihe. Finanziert wird sie von Engagement Global mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aus Mitteln von „Bingo – Die Umweltlotterie“ über die Norddeutsche Stiftung für Umwelt und Entwicklung, durch Brot für die Welt (BfdW) mit Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes und als Maßnahme der Umweltbildung, -erziehung und -information durch das Land Mecklenburg-Vorpommern.

